Medien selber machen: Journalistik-Bücher

Eine Methode, sich in Sachen Journalismus schlau zu machen, sind unsere Seminare. Es empfiehlt sich aber, den einen oder anderen Euro auch für Bücher auszugeben. Wir stellen euch eine Auswahl vor:

Die Reportage

Michael Haller
UVK, 5. Auflage 2006
ISBN 3-89669-305-0
332 Seiten, 19,90 Euro

Der Boden ist heiß. Zu heiß, um darauf zu laufen. Doch Naria scheint die Hitze nicht zu spüren. Eingewickelt in Tücher, die ihren Kopf und den gesamten Körper verdecken, doch ohne Schuhe zieht sie die Kuh hinter sich her. Das Tier sträubt sich, es will nicht vorwärts, doch es muss, denn Naria will es heute auf dem Markt verkaufen und der Markt beginnt bei Sonnenaufgang.

So könnte eine Reportage beginnen. Wie sie weitergeht, wie der Autor überhaupt auf sein Thema kommt, Material, Hintergründe und interessante Akteure findet, schließlich alles verarbeitet – das und noch einiges mehr erklärt Michael Haller in der fünften Auflage von „Die Reportage“. Dabei richtet sich das Buch gleichermaßen an Wissenschaftler wie Journalisten und solche, die es noch werden wollen.

Auf 332 Seiten beleuchtet Haller die Reportage aus jedem erdenklichen Blickwinkel. So erklärt er ihre historische Entwicklung und geht dabei auch auf aktuelle Debatten und Strömungen wie den Popjournalismus ein. Für Journalisten wird es vor allem anschließend interessant: Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Reportage und Feature? Was hat die Nachrichtenmagazingeschichte damit zu tun? Wie packe ich Geschehnisse in eine Reportage? Und das so, dass sie auch jemand lesen will? All diese Fragen beantwortet Haller im ersten und zweiten Teil. Dabei bedient er sich wie gewohnt einer klaren, schnörkellosen Sprache, bei der man Sätze nicht erst zweimal lesen muss, um sie zu verstehen.

Kernpunkte wie Themenerschließung, Materialbeschaffung und Gliederung sind zusätzlich in Kästen zusammengefasst und übersichtlich grau hinterlegt, so dass der Leser sie auch beim nochmaligen Durchblättern problemlos findet.

Zu guter Letzt hält der Autor noch zwei besondere Belohnungen bereit: Auf der einen Seite Übungsreportagen, die allesamt aus der Feder junger Journalisten stammen und am Beispiel zeigen, wie eine Reportage außehen kann. Zum anderen Praxisberichte von Redakteuren, die Einblick in die Reportage-Arbeit beispielsweise von Jana Simon geben und damit auch Anregungen für das eigene Arbeiten geben.

Wer es allerdings ganz eilig hat, sollte zuerst die Seite 186 aufschlagen: Hier gibt es 20 Tipps fürs Reportageschreiben.

ABC des Journalismus

Claudia Mast (Herausgeberin)
UVK, 10. Auflage 2004
ISBN 3-89669-419-7
749 Seiten, 29,90 Euro

Es gibt viele Standardwerke für Journalisten, aber nur eines, das so nah an der Praxis ist, wie das „ABC des Journalismus“ von Claudia Mast. Im Februar 2004 ist der Klassiker in der 10. komplett neuen Auflage erschienen. Die Texte: thematisch umfassend. Vom Mediensystem der Bundesrepublik Deutschland bis hin zu Präsentation von Texten im Internet, bekommen angehende und erfahrende Journalisten sowohl Sachtexte als auch Berichte aus der Praxis dargeboten.

So steuert die geschäftsführende Bildredakteurin von „Geo“, Ruth Eichhorn, einen Text zum Thema Bildjournalismus bei. Zum Nachrichtenmanagement im Privatfernsehen schreibt Michael Wolf, der Redaktionsleiter von „RTL aktuell“. In ihren Texten berichten die Journalisten aus dem Alltag ihrer Redaktionen, geben Tipps aus der Praxis und plaudern bisweilen aus dem Nähkästchen. Erfreulicherweise erheben sie dabei nicht den Anspruch der Allgemeingültigkeit auf ihre subjektiven Erfahrungen.

Auch typografisch ist das Werk übersichtlich gestaltet. Besonders der breite Rand mit kurzen inhaltlichen Hinweisen erleichtert das Zurechtfinden. Die grau unterlegten Tipps strukturieren die Seiten nicht nur, sondern fassen inhaltliche Schwerpunkte zusammen oder geben weiterführende Hinweise. Literaturangaben am Ende der Kapitel ermöglichen problemlos das tiefere Einsteigen in eine Thematik.

Speziell für Anfänger fehlen allerdings die Beispiele. Der Unterschied zwischen Reportage und Feature ist so nur für erfahrene Journalisten erschließbar, auch bei Fotos und Infografiken hätten Beispiele den Informationswert erhöht.

Dennoch ist das Werk – auch durch seine umfangreichen Kontaktadressen – für Neueinsteiger geeignet. Dank seiner übersichtlichen Gliederung eignet es sich auch gut als Nachschlagewerk für Berufserfahrene.

Recherchieren

Michael Haller
UVK, 6. Auflage 2004
ISBN 3-89669-434-0
338 Seiten, 19,90 Euro

Scheckbuchjournalismus, Anstiftung zum Verrat von Dienstgeheimnissen, sich verkleidet in ein Gefängnis einweisen lassen – es gibt viele Arten, den Stoff zu seinem Artikel zu bekommen. In den Zeiten des „Management-Journalismus“, in denen zahlreiche Texte nur aus Pressemitteilungen umgeschrieben werden (wenn überhaupt), ist Recherche eine Seltenheit, der Rechercheur ein Exot. Dass sich seriöse Journalisten jedoch ausschließlich der Recherche bedienen sollten, erklärt Michael Haller in seinem Standardwerk für Journalisten.

Haller rollt die Thematik von ganz vorne auf. Seine Einführung in das methodische Recherchieren beginnt damit, Ziele und Grenzen der Recherche festzusetzen. Im Hauptteil geht der Wissenschaftler dann auf das Recherchieren im journalistischen Alltag ein. Er beschreibt die verschiedenen Arten der Recherche, erklärt die Thesenüberprüfung und warnt vor dem bei Journalisten so beliebten „Immermehrismus“.

Darüber hinaus gibt er Tipps für die Praxis. Woher wissen wir, ob wir dem Informanten glauben können? Welche Informationen können wir im Text verwenden, welche sollten wir nur in indirekter Rede wiedergeben?

Wichtig ist auch, dass Haller darauf eingeht, wann auf eine Recherche zu verzichten ist. Dass Angeklagte keine Mörder und sind und auf Grund der Persönlichkeitsrechte nicht jedes Privatleben auf die Titelseite darf, ist immer noch nicht allen Journalisten bewusst. Im Hinblick auf die derzeit beliebteste Recherchiermethode – das Internet – gibt es auch Informationen über Suchmaschinen und Datenbanken im Netz.

Hilfreich für die Praxis ist gerade der fünfte Teil des Buches. Der Autor schildert hier, wie ein Journalist mit seinen Informanten umgehen sollte. Dazu gehört nicht nur, dass die „Dracula-Methode“ (anbeißen, absaugen, fallenlassen) besser zu vermeiden ist, sondern auch, wie ein gekonnt geführtes Telefongespräch aussieht.

Auch die wichtigste Frage beantwortet Haller in seinem Buch: nämlich, wann eine Recherche eigentlich abgeschlossen ist.

Einführung in den praktischen Journalismus

Walther von La Roche
List Journalistische Praxis, 16. Auflage 2003
ISBN 3-471-78043-2
292 Seiten, 17,90 Euro

Dieses Buch ist der Klassiker. Zumindest für alle, die vorhaben „etwas mit Journalismus“ zu machen oder sich in genau dem Anfangsstadium befinden. Denn La Roche erläutert in seiner „Einführung in den praktischen Journalismus“ die elementaren Basics für das journalistische Arbeiten.

Dazu gehören zunmächst einmal zahlreiche Begriffe. Was bedeutet eigentlich Recherche und Redigieren? Was macht ein Hörfunkjournalist wenn er von „Präsentation“ spricht? Was passiert auf einer Redaktionskonferenz und wie oft findet sie statt? Und was ist der Unterschied zwischen einem freien und einem festen freien Mitarbeiter?

Darüber hinaus lernt der Leser die Arbeitsfelder des Journalisten kennen. Er erfährt, dass zwei Drittel der Journalisten in Lokalzeitungen beschäftigt sind, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auch zu den journalistischen Arbeitsfeldern zählt und die Ausbildungswege keineswegs so uneinheitlich sind, wie immer behauptet wird.

Gerade dem Thema Ausbildungswege widmet sich La Roche ausführlicher. So stellt er die verschiedenen Zugangsmöglichkeiten über Volontariat, Hoch- und Journalistenschule detailliert vor und gibt Hinweise für die angehenden Bewerber. Dabei fasst er den Beruf des Journalisten allerdings recht weit – so wird jemand mit dem Studiengang Publizistik und Kommunikationswissenschaft kaum optimal für den klassischen Beruf des Journalisten vorbereitet sein.

Abgerundet wird die Lektüre durch Rechtsfragen aus der Praxis und die zahlreichen Kontaktadressen, bei denen auch Leser aus Österreich und der Schweiz nicht zu kurz kommen.

Insgesamt ist La Roches Einführung eine der besten überhaupt, leicht zu lesen, mit Anekdoten gewürzt und ein Rundumschlag an Wissen. Lesen lohnt sich also. Denn auch erfahrenere Hasen nehmen den La Roche sicher öfter zur Hand.

Die Nachricht – in Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet

Dietz Schwiesau/Josef Ohler
List Journalistische Praxis 2003 ISBN 3-471-78309-1
317 Seiten, 20,00 Euro

Am Anfang steht die Nachricht. Und dann auch schon das Fragezeichen. Denn was ist eigentlich eine Nachricht? Und warum ist sie so wichtig? Vielleicht, weil sie nach wie vor auf der Nummer eins auf der Rangliste der Zuschauer, Hörer und Leser steht.

Weil jeder Journalist Nachrichten schreiben können muss und das meist der erste Punkt in der Ausbildung ist, widmen sich Schwiesau und Ohler der Darstellungsform auf 308 Seiten.

So erfährt der Leser, dass bereits eine Viertelstunde nach dem Aufprall der Flugzeuge in das World Trade Center am 11. November 2001 fast ein Drittel der Deutschen über die Geschehnisse informiert war. Nach einer halben Stunde war es schon die Hälfte, nach fünf Stunden 94 Prozent, so Schwiesau und Ohler.

Also, was macht eine Nachricht objektiv und kann sie das überhaupt sein? Was ist ein Nachrichtenwert? Und wo ist die Grenze zwischen Neuigkeiten und Klatsch?

Dabei ist „Die Nachricht“ nicht so eng gefasst, wie es der Titel vermuten lassen würde. Zwar geht es auch hier ganz klassisch um den Aufbau einer Nachricht, die Sprache (Neues nach vorne, Grammatikregeln beachten) und die Produktion. Doch darüber hinaus erfährt der Leser, wie die Nachrichtenagenturen entstanden, den Unterschied zwischen Print- und Hörfunknachricht und wer „Die alte Tante Tagesschau“ ist.

Sinnvoll, dass die Autoren auch auf das Nachrichtenrecht und damit auf die journalistische Sorgfaltspflicht eingehen. Denn welcher Journalist weiß schon, dass bei Agenturmeldungen, die sich nur auf eine einzige Quelle stützen, „rein theoretisch“ Recherchepflicht besteht?

Schwiesau und Ohler bleiben mit ihrem Buch in der Tradition der Reihe „Journalistische Praxis“. Es ist leicht verständlich geschrieben, mit vielen Beispielen und Erläuterungen. Dazu gehören die obligatorischen Tipps für einen Einstieg in den Beruf.

Übrigens, schon gewusst, was Nachricht auf Indonesisch heißt? Berita.

Svenja Bergt